Zeitreise ins alte Schöneberg
Gruss aus Berlin präsentiert Ansichtskarten eines Bezirks, den es in dieser Form nie gegeben hat, obwohl man ihn sofort erkennt. Die Motive aus Schöneberg basieren auf original historischen Ansichtskarten und Aufnahmen der jeweiligen Schauplätze von heute.
Gruss aus Berlin stellt den künstlerischen Aspekt der Bilder in den Vordergrund. Die in den Bildbeschreibungen genannten Daten und Fakten sind nach bestem Gewissen der erhältlichen Fachliteratur zum Bezirk und seiner Geschichte entnommen. Wenn Sie Ergänzungen dazu haben, helfen Sie bitte mit und senden uns eine Nachricht über die Kontakt-Seite.
Read More »Rosenheimer Strasse
Viele Strassenzuege im Bayrischen Viertel lassen das Stadtbild dieses höchst repräsentativen Wohngebietes zur Kaiserzeit kaum noch erahnen. Nur dort, wo das Berliner Aufbauprogramm der 50er Jahre Einzelbauten und nicht ganze Straßenzüge ersetzte, konnte die ganz besondere Berliner Mischung entstehen, wie hier an der Kreuzung von Rosenheimer und Eisenacher Strasse.
Die repräsentative, inzwischen restaurierte Architektur neben den völlig charakterlosen, durch Rauputz modernisierten und entseelten Altbauten und den Neubauten der Nachkriegszeit, die nun selbst in die Jahre gekommen sind.
Gudrun Blankenburg schreibt in Ihrem sehr lesenswerten Buch über das Bayrische Viertel “Im heillosen Durcheinander der Stunde Null gab es nur ein Heil: Den Blick nach vorn. Die Baukultur der jungen Republik zeigte ein neues Verständnis des Stadtraumes. Nicht mehr die Stadtlandschaft mit eng geschlossenem Blockrand, sondern das aufgelockerte Wechselspiel mit Grünanlagen veränderte das Bild des Bayrischen Viertels.”
Read More »Viktoria-Luise-Platz
Wettlauf um solvente Mieter. Die heutigen Bezirke Charlottenburg, Wilmersdorf und Schoeneberg standen um 1900 in deutlicher Konkurrenz. Die hochwertige Ausstattung der Haeuser und die aufwendige Gestaltung der Vorgaerten und Platzanlagen spielten fuer die gehobene Buergerschaft ein wesentliche Rolle bei der Wahl des Wohnortes außerhalb der Stadtgrenzen Berlins. Mit dem Viktoria-Luise-Platz ist einer der schoensten Plaetze Berlins weitgehend erhalten geblieben, da sich die Flaechen-Bombardements von 1944 auf das weiter suedlich gelegene Bayrische Viertel konzentrierten.
Das Bild zeigt bei genauem Hinsehen auch die Verbindung von fortschrittlichem Staedtebau und gesellschaftlicher Liberalitaet. Rechts im Bild befindet sich der 1902 eroeffnete Gebaeudekomplex des Lette-Vereins. Was heute als Verein zur “Foerderung hoeherer Bildung und Erwerbstaetigkeit des weiblichen Geschechts” etwas hausbacken klingt, spiegelt den liberalen Geist in Teilen des Buergertums wieder. Das Ausbilden junger Frauen zu Telefonistinnen, Fotografinnen, Modezeichnerinnen und Setzerinnen beweist die Fortschrittlichkeit der Lehranstalt, die nach heutigem Verstaendnis Trendberufe lehrte.
Und auch die abgebildeten Personen für gesellschaftliche Veränderung. Zartes Hellblau war um 1900 die Farbe vornehmer Blässe und damit Mädchen vorbehalten. Strahlendes Rot hingegen war die Farbe der Knaben und ein Zeichen von männlicher Vitalität. Erstaunlich, oder?
Read More »U-Bahnhof Bülowstraße
Preußische Geschichte und technische Ingenieursleistungen zeugen vom verblichenen Glanz der Ecke zur Potsdamer Straße. Wenig davon blieb erhalten.
Laut kaiserlicher Order von 1864 sollten neu angelegte Plätze und Straßen ruhmreiche Schlachten und tapfere Generäle ehren. So wurde mit dem 1902 eröffneten U-Bahnhof der preußische General Friedrich Wilhelm von Bülow geehrt. Der im Bildhintergrund gelegene Platz mit Lutherkirche heißt konsequenterweise nach dem Ort seiner ruhmreichen Schlacht gegen Napoleon Dennewitzplatz. Die Kirche wurde von der Hochbahn in einer „Pastorenkurve“ umfahren und sogar ein Mietshaus durchbrochen.
Die Bahnhofshalle wurde im 2. Welkrieg stark beschädigt und vereinfacht wieder aufgebaut. Aufgrund des Baus der Berliner Mauer ging der Verkehr auf der Hochbahnstrecke stark zurück. „Wer S-Bahn fährt, unterstützt den Kommunismus“, hieß es im Mauer-Berlin. Da mit der U-Bahn Linie 1 eine parallel führende Verbindung zum Gleisdreieck bestand, wurde der Bahnverkehr 1972 ganz eingestellt und der Bahnhof wurde als Türkischer Basar genutzt. Die darunter gelegene „Potse“ steht bis heute für Drogenhandel und Prostitution neben Dönerläden und Woolworth.
Read More »Haberlandstraße / Bayrisches Viertel
Der ideale Wohnort vor den Toren der Großstadt. Das Motiv der Haberlandstraße verdient einen besonderen Platz in dieser Sammlung – wenn auch das Nebeneinander von alt und neu nicht besonders ins Auge fällt. Vielmehr wird an diesem Motiv der wechselhafte Umgang mit der Geschichte des jüdisch geprägten Bayrischen Viertels besonders deutlich.
Salomon Haberland gründete 1890 die Berlinische Boden-Gesellschaft. Sein Sohn Georg wurde deren Generaldirektor. Im Unterschied zu anderen Gesellschaften führte sie ein eigenes Konstruktionsbüro. So konnten unbebaute Ländereien angekauft und als baureife Parzellen mit angelegten Straßen und Versorgungswegen weiterverkauft werden – auf Wunsch mit fertigen Häusergrundrissen und Fassadenentwürfen.
Für sich selbst baute Haberland das prächtige schlossartige Gebäude Nr.7 mit Turmaufbau links im Bild. Die Liste der Anwohner liest sich wie das „Who is Who“ der boomenden Metropole. Die Fotografin Giséle Freund war direkte Nachbarin der Haberlands und Albert Einstein wohnte im Haus Nr.5 im Bildhintergrund. Beide Gebäude wurden im 2. Weltkrieg zerstört.
Georg Haberland starb 1933, sein Sohn Werner emigrierte und verzichtete auf sein Erbe. Das Unternehmen wurde „arisiert“. Sogar der Straßenname wurde 1938 in Treuchtlinger bzw. Nördlinger Straße geändert, um jüdische Namen unter den Berliner Straßenbezeichnungen zu entfernen. Ein Teilstück dieser Straßen wurde 1996 wieder in Haberlandstraße rückbenannt. Heute erinnern Gedenktafeln an Geschichte und Gründungsväter des Bayrischen Viertels.
Read More »Bahnhof Ebersstraße
Kleiner Bahnhof im Kiez. Im etwas verschlafenen Wohngebiet zwischen Dominicus- und Hauptstraße lässt sich Berliner Verkehrs- und Bahngeschichte entdecken. Seit 1897 existiert die Station Ebersstraße. Eine Umsteigemöglichkeit zur nahegelegenen Wannseebahn bestand damals nicht. Die Fahrgäste mussten stattdessen mit der Ringbahn über die Südringspitzkehre bis zur damaligen Station Schöneberg, heute Julius-Leber-Brücke fahren, um von dort Richtung Wannsee umzusteigen. Die Station selbst war als typischer Ringbahnhof der Jahrhundertwende mit verklinkerten Empfangsgebäude.
Die Wannseebahn wies als einzige Vorortstrecke keine Umsteigemöglichkeit zur Ringbahn auf. Als Lösung für dieses Problem wurde der Bahnhof Ebersstraße mit Ausnahme seines Klinkerportikus abgerissen und stattdessen ein Turmbahnhof errichtet. Für die Ringbahn, die hier etwas höher liegt, wurde eine verglaste Halle errichtet. Der Bahnhof wurde mit Abschluss der Elektrifizierungsarbeiten an der Wannseebahn als nunmehriger Bahnhof Schöneberg eröffnet.
Infolge des Reichsbahnerstreiks von 1980 wurden sowohl die Ring- als auch die Wannseebahn stillgelegt. Erst nach der Übernahme der West-Berliner S-Bahn durch die BVG konnte die Wannseebahn am 1985 wiedereröffnet werden. Der Betrieb auf der Ringbahn folgte erst 1993.
Read More »Tauentzienstraße
Flaniermeile durch 120 Jahre Stadtgeschichte. Laut kaiserlicher Order von 1864 sollten neu angelegte Plätze und Straßen ruhmreiche Schlachten und tapfere Generäle ehren. So wurde der Kirchneubau nach Kaiser Wilhelm I. und der Boulevard nach General Tauentzien benannt, der gemeinsam mit General von Bülow die Schlacht bei Dennewitz gegen Napoleon geführt hatte (siehe weitere Motive in dieser Sammlung). Der Standort des Fotografen auf der Nürnberger Straße mit Blick nach Westen markiert die Grenze von Schöneberg und Charlottenburg.
Die Zerstörung des Kirchturmes im 2. Weltkrieg hat die „Gedächtniskirche“ zum weltweit bekannten Mahnmal gemacht. Der Kirchneubau von 1961 feiert bereits sein 50-jähriges Bestehen. Das 1966 fertiggestellte Europacenter zeigt den Fortschrittglauben der 60er Jahre und ist schon heute Teil der Geschichte. Es war über Fußgängerbrücken von der Marburger und Budapester Straße zu erreichen, die bereits in den 80er Jahren wieder abgerissen wurden. Die aktuelle Neugestaltung des Mittelstreifens als begehbarer Weg zum Flanieren zeugt von der permanenten Veränderung, die sich hier vollzieht.
Read More »Dennewitzplatz
Gründerzeit auf Biegen und Brechen. Aus verkehrstechnischen Gründen wurde beim Bau der Hochbahn am Dennewitzplatz ein bestehendes Wohnhaus durchbrochen. Die U-Bahn-Gleise durchquerten das Gebäude in Höhe des ersten und zweiten Stockwerkes und führten weiter zum Potsdamer Platz. Ein drastisches Beispiel für die Verkehrsplanung im rasant wachsenden Berlin.
Wer angenommen hatte, dass die Mieter wegen Lärm- und Erschütterungsbelästigungen ausziehen würden, sah sich getäuscht. Das Haus erfreute sich einer gewissen Beliebtheit, da die U-Bahn-Durchfahrt zu einer echten Berliner Sehenswürdigkeit wurde. Leider wurde das Haus im zweiten Weltkrieg zerstört. Das gesamte Wohngebiet nördlich davon wurde saniert und eine Parkanlage geschaffen, sodass man heute Mühe hat, die bauliche Sensation der Gründerzeit heute noch zu erahnen.
Read More »Kolonnenstraße
Eine Geschichte von Trassen und Straßen. Die Kolonnenstraße ist vom Bahnhof, von der Brücke und damit der Verkehrsgeschichte Berlins geprägt. Kein Stein blieb hier auf dem anderen. Wo heute ein türkischer Obst- und Gemüsehändler steht, befand sich früher die Bahnhofshalle mit spitzem Turmdach. Schräg gegenüber wurde Marlene Dietrich geboren.
1881 wurde der spätere Bahnhof Kolonnenstraße mit einfachem Seitenbahnsteig an der Ringbahnstrecke eröffnet. Der erste Name war Bahnhof Schöneberg, da der heutige Bahnhof Schöneberg an der Dominicusstraße noch nicht existierte. Trotz des Betriebs als Ringbahn bedienten die Züge weiterhin den Potsdamer Bahnhof in der Innenstadt. Die dabei zwischen dem Fernbahnhof und der eigentlichen Ringbahn zurückgelegte Strecke erhielt die Bezeichnung „Südringspitzkehre“.
Der Verkehr auf der gesamten Strecke nahm zu, sodass die Wannseebahn errichtet werden musste und der Bahnhof an Bedeutung gewann. Er erhielt einen Mittelbahnsteig sowie ein verklinkertes Empfangsgebäude mit polygonalem Aufsatz und Dachhelm an der Brücke Sedanstraße, wie im Motiv zu sehen. 1932 wurde er in Bahnhof Kolonnenstraße umbenannt. Heute heißt er Bahnhof Julius-Leber-Brücke.
Im Kiez von Marlene Dietrich dominieren nun ein Bio-Laden und der Gemüsestand an historischer Stelle.
Read More »Kaiser-Wilhelm-Platz
Wo heute die Kaiser-Wilhelm-Passage steht, befand sich das alte Schöneberger Rathaus. Es war für das aufstrebende Schönberg zu klein geworden und wurde 1913 durch den Neubau an der Martin-Luther-Straße ersetzt.
Links an der Einmündung der Akazienstraße befindet sich inmitten der dicht bebauten Einkaufsstraße einer der wenigen provisorischen Nachkriegsbauten und eine große weiße Brandmauer. Heute befindet sich im Flachbau die Filiale einer Bäckerei-Kette.
Read More »Hohenstaufenstraße
Burgen und Schlösser für Bürgerkinder. Die markante Fassade des Schulgebäudes an der Hohenstaufenstraße ist weitgehend erhalten geblieben. 1903 wurden hier die nach Geschlechtern getrennten Gemeindeschulen XII und XIII und das Werner-von-Siemens-Realgymnasium eröffnet. Insgesamt 15 Schulen wurden im boomenden Schöneberg bis 1908 gebaut, die sämtlich mit Turnhallen ausgestattet waren. Das als liberal geltende Realgymnasium wurde 1935 wegen angeblichen Schülermangels geschlossen und wird heute als Georg-von-Giesche Realschule genutzt.
Die Straße bildet die Nordgrenze des Bayrischen Viertels. Die Wohnqualität in der rechts abzweigenden Landshuter und Heilbronner Straße ist durch das Anlegen von Sackgassen nach dem 2. Weltkrieg sicherlich gestiegen. Die Hohenstaufenstraße ist jedoch zu einer unbelebten Durchgangsstraße geworden.
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